Lieblingsfilme Part II: „Se7en“ von David Fincher

Als David Fincher sein Spielfilmdebüt Alien3 (USA 1992) vorlegte, spotteten einige Kritiker, dass der ehemalige  Musikvideo-Regisseur mit einer Spielfilmproduktion hoffnunglos überfordert gewesen wäre – das Alien sei halt kein Popstar. Doch diese Einschätzung änderte sich schlagartig, als Fincher mit Se7en (USA 1995) einen der verstörendsten und stilprägendsten Hollywoodfilm der 90er Jahre schuf.

Kurzinhalt

In einer namenlosen amerikanischen Großstadt tritt Detective David Mills seinen ersten Arbeitstag an, um den alternden, desillusionierten Kollegen William Somerset abzulösen. Ihr erster gemeinsamer Fall konfrontiert sie mit einem Serienkiller, der auf grausame Art und Weise nach den Motiven der biblischen sieben Todsünden mordet. John Doe, wie er sich selbst nennt, ist methodisch, präzise und geduldig. Fast tatenlos muss die Polizei mit ansehen, wie der Mörder seinen grausigen Plan in die Tat umsetzt. Umso größer ist die Verwunderung der Detectives, als sich John Doe nach dem fünften Mord freiwillig stellt. Er bietet ihnen an, ein vollständiges Schuldbekenntnis zu unterschreiben, wenn Mills und Somerset ihn zu den letzten beiden Opfern begleiten. Die Detectives stimmen zu. Und werden so zu Auftragsgehilfen des Serienmörders. Als die Polizisten das Ausmaß und die Perfidie des Plans durchschauen, ist es zu spät: John Does Rechnung geht auf.

Mythologische Archetypen und neue Sichtweisen

Was den Film Seven derart verstörend macht, ist seine moralische Grundhaltung, die für den normal sozialisierten Menschen schwer zu akzeptieren ist. Geschickt spielt David Fincher mit den klassischen Archetypen und lockt so den Zuschauer auf falsche Fährten.

Heldenmythos

Der Film beginnt wie ein klassischer Heldenmythos. Es scheint die Initiationsgeschichte des jungen, hitzköpfigen Detectives David Mills zu sein, der zwar nicht mehr ganz unerfahren ist, der aber keine Vorstellung hat, was ihm in der verkommenen Welt bevorsteht. Am Ende seiner Heldenreise soll er sich als adäquater Nachfolger von Detektive William Somerset bewiesen haben. Dieser ist ein lebenserfahrener Routinier, der kurz vor dem Ruhestand steht. Er übernimmt die Rolle des Mentors, des alten, weisen Mannes, dem es auferlegt ist, Mills auf diese Reise vorzubereiten. Der Gegenspieler ist John Doe. Der selbstgerechte psychopathische Killers, dessen Plan gestoppt werden muss, um Mills’ Heldenreise zu vollenden.

In dieser Konstellation wäre dem Film wirklich ein böses Ende zu bescheinigen. Nicht nur, dass Mills bei seiner Heldenreise in allen Punkten versagt. John Doe integriert den Detective auch in seinen Mordplan, so dass Mills zum Schluss eine lange Gefängnisstrafe, wenn nicht sogar die Todesstrafe, erwartet. Folgt man dieser Interpretation, so ist Se7en nicht mehr als ein weiterer – wenngleich stilistisch bemerkenswerter – Serienkillerfilm in der Art von The Silence of the Lambs (USA 1991, Jonathan Demme). Mit der Unterscheidung, dass das Ende einer düsteren Weltsicht angepasst wurde, in der das Böse triumphiert. Diese Erkenntnis beschert dem Zuschauer wahrscheinlich einen depressiven Abend. Moralisch würde der Film jedoch den konventionellen Wertvorstellungen folgen: John Doe ist das personifizierte Böse, dessen Handeln moralisch verurteilt werden kann.

Heilungsmythos

Doch Drehbuch und Film sind innovativer. Fincher inszeniert keinen Heldenmythos sondern einen Heilungsmythos. Detective Somerset ist der von Zweifeln und Verzweiflung geplagte Held, der an der krankhaften Apathie leidet, die ihn umgibt. In den Jahren als Polizist hat ihn diese apathische Umgebung schleichend an sich angepasst. Seine Kraft, dagegen anzukämpfen, ist aufgebraucht.[[i]] Bevor er selbst endgültig der Krankheit verfällt, will er den Dienst quittieren und fortziehen, um vor ihr zu fliehen.

Der Schatten der Geschichte ist die namenlose Stadt mit all ihren abgestumpften Bewohnern. Wie dem Fetischwarenhersteller, der die Anfertigung der bizarren Mordwaffe für John Doe damit rechtfertig, dass er vermutet habe, Doe sei ein Performance-Künstler. Oder wie Somersets Kollegen, die sich einreden, die Welt sei schon immer so gewesen. Und die es nicht mehr ertragen, dass sich Somerset nicht mit der Oberfläche zufrieden geben, sondern dahinter schauen will. Der Mentor in diesem Heilungsmythos ist David Mills und das Medikament ist: John Doe.[[ii]]

Dramaturgie und Mythos

Auch ein Blick auf das dramaturgische Gerüst des Films stützt diese Interpretation. Folgt man den Regeln von Drehbuch-Guru Syd Field und wendet dessen Dramaturgieschema mit Plotpoint 1 und 2 auf Seven an, funktioniert die Geschichte nicht, wenn man sie als Heldenmythos begreifen will: David Mills erfährt keine Plotpoints, durch die sich die Geschichte für ihn wandeln würde. Zwar scheint es zeitweilig, dass Mills einen Lernprozess durchläuft, indem er versucht, Somersets Stil nachzueifern. Doch Mills tut dies nicht aus Überzeugung, sondern, um sich vor seinem älteren Kollegen keine Blöße zu geben. Offenkundig wird dies, als Mills Sekundärliteratur zu den von Somerset empfohlenen Büchern liest, was mit einem Fluchanfall[[iii]] endet. Mills übernimmt kein Charaktermerkmal seines Mentors, und es gibt im ganzen Film lediglich eine Situation, in der die beiden einer Meinung sind.[[iv]]

Folgt man hingegen der Idee vom Heilungsmythos, so eröffnen sich einem durchaus zwei Plotpoints: Der erste ist die Szene, in der Somerset seinen Vorgesetzten bittet, ihn von dem Fall abzuziehen. Sein Blick für Details sagt ihm bereits nach dem ersten Mord, dass dies nicht sein letzter Fall werden würde. Der zweite Plotpoint ist jene Szene, in der sich Somerset nach einem Streitgespräch mit Mills doch dazu entscheidet, den Fall abzuschließen, bevor er in den Ruhestand tritt.

Moralisches Dilemma

In der Heilungsmythos-Variante bekommt auch Somersets Schlusssatz[[v]] eine neue Dimension. Der optimistische Tenor ist nun nicht mehr als ein Zugeständnis an das schockierte Publikum zu verstehen. Vielmehr bestätigt er die Prophezeiung von John Doe[[vi]]. Der hat nicht nur sein Werk vollendet. Das Werk erfüllt auch noch einen Zweck. Doe wird somit zum Antihelden: Er handelt zwar nicht in einer Weise, die vom Publikum als moralisch korrekt empfunden wird. Doch er nimmt ohne Rücksicht auf die persönlichen Konsequenzen den Kampf gegen die Verkommenheit der Welt auf.[[vii]]

Hier liegt das moralische Problem: Wie kann ein Film durch die Vollendung einer Serie brutaler Morde an –  zumindestens im juristischen Sinn – unschuldigen Menschen zu einem Happy-End führen? Genau das nämlich drückt Somerset aus, wenn er am Ende konstatiert: „Ich bin geheilt. Ich habe meine Lethargie überwunden, werde mich nicht mehr mit Selbsthypnose in den Schlaf schaukeln und bin bereit, um diese Welt zu kämpfen.” Denn, so brachte es der Kulturanarchist John Cage einst auf den Punkt, „there is no reason for anything but optimism.”[[viii]]

David Fincher zeigt sehr schön, das Optimismus nichts mit einer „rosaroten Brille“ oder Naivität zu tun hat. Optimismus ist die Grundlage, um den Kampf für eine bessere Welt aufzunehmen. Egal, wie düster und deprimierend Finchers Filme auf den ersten Blick auch wirken mögen. Sie gehen davon aus, dass der Einzelne die Welt durchaus verändern kann. Fincher hegt dabei Sympathien für die radikalen Außenseiter, die bereit sind, rückhaltlos für eine bessere Welt zu kämpfen. Sei es Sean Penn der das Leben seines Bruders von Nicholas Van Orton in The Game (1997) auf den Kopf stellt, um ihn vor dem Schicksal seines Vaters zu bewahren, sei es Tyler Durdon, der in Fight Club (1999) seine durch einen zynischen Job produzierte Schlafloskeit, nicht mehr durch Selbstbetrug sondern durch einen Kampf für eine Bessere Welt beseitigt, und damit Finchers bisherigen Höhepunkt gefunden hat. Auch wenn die unmoralischen Antihelden wie John Doe und Tyler Durdon letztlich sterben – sie vollenden Ihr Werk, und die Welt wird nicht mehr dieselbe sein.

Der Trailer auf YouTube

Se7en (Sieben) Filmplakat

Das Filmplakat von se7en



[i] William Somerset: I just don’t think I can continue to live in a place that embraces and nurtures apathy as if it was virtue.
David Mills: You’re no different. You’re no better.
William Somerset: I didn’t say I was different or better. I’m not. Hell, I sympathize; I sympathize completely. Apathy is the solution. I mean, it’s easier to lose yourself in drugs than it is to cope with life. It’s easier to steal what you want than it is to earn it. It’s easier to beat a child than it is to raise it. Hell, love costs: it takes effort and work.

[ii] Beispiele aus der Filmgeschichte stützen diese Deutung. In Meet John Doe (USA 1941, Frank Capra) schreibt eine von der Arbeitslosigkeit bedrohte Reporterin (Barbara Stanwyck) unter dem Pseudonym John Doe einen Brief, in dem dieser John Doe ankündigt er würde sich aus Protest gegen eine unmenschliche Gesellschaft das Leben nehmen. Als dieser die Nation im Herzen trifft, engagiert sie einen Niemand (Gary Cooper), der die Rolle des John Doe spielen soll. Sie will die Story so weiter ausschlachten. Doch es entsteht eine wahre Bewegung der Menschlichkeit, und schließlich nimmt John Doe seine Rolle ernster als gewünscht.

[iii] David Mills: Fuckin‘ Dante… poetry-writing faggot! Piece of shit, motherfucker!

[iv] I. e., als sich John Doe stellt, und Mills und Somerset nicht glauben mögen, dass nun alles vorbei ist.

[v] William Somerset: Ernest Hemingway once wrote: “The world is a fine place and worth fighting for.” I agree with the second part.

[vi] John Doe: We see a deadly sin on every street corner, in every home, and we tolerate it. We tolerate it because it’s common, it’s trival. We tolerate it morning, noon, and night. Well, not anymore. I’m setting the example. And what I’ve done is going to be puzzled over, and studied, and followed… forever.

[vii] Dies ist nicht zu verwechseln mit jenen selbstgerechten Schatten, für die der Zweck die Mittel heiligt. Denn solche Schatten werden im Mythos in der Regel vom Helden gestoppt. Im Gegensatz dazu ist John Doe moralisch integer: Er kehrt auch seine eigenen Sünden gegen sich und opfert sein Leben, um den Leuten die Augen zu öffnen.

[viii] Auch wenn John Doe mit seiner ersten Botschaft Recht hat: „Lang und beschwerlich ist der Weg, der in das Licht führt aus der Hölle.”

About Superlutz

Cinemaniac right from the beginning. „Bambi“ mit 5 und danach die ganze Palette rauf und runter. Mit 10 passionierter Kinoreinschleicher (was die Arbeit der FSK überflüssig machte), Mit 12 leidenschaftlicher Filmplakate-Sammler. Mit 16 Dekorateur und Kartenabreisser. Mit 19 Vorführer. Mit 26 musste ich dann auch mal Geld verdienen, aber die Leidenschaft brennt noch immer. Heute im Heimkino mit 2700 DVDs und Blu-rays.
This entry was posted in Allgemein. Bookmark the permalink.

Schreib einen Kommentar